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Interview: So geht Gerhard Berger seinen DTM-Job an

20 Jahre nach seinem Grand-Prix-Sieg in Hockenheim erklärt Gerhard Berger unter anderem, warum er der DTM den Vorzug gegenüber der Formel 1 gegeben hat

(Motorsport-Total.com) - Es war eine der emotionalsten Storys der jüngeren Formel-1-Geschichte, als Gerhard Berger 1997 in Hockenheim den Grand Prix von Deutschland gewonnen hat. Bei Benetton-Boss Flavio Briatore fast in Ungnade gefallen, wegen einer Kieferhöhlenentzündung drei Rennen lang durch Alexander Wurz ersetzt, während dieser Abwesenheit der Tod des Vaters bei einem Flugzeugabsturz, Medienberichte über einen angeblichen Selbstmord - und dann das sensationelle Comeback mit dem letzten Triumph seiner Karriere. Es gibt Geschichten, die schreibt nur die Formel 1.

Gerhard Berger

Für Gerhard Berger steht bei allem, was er vorhat, der DTM-Fan im Vordergrund

20 Jahre später kehrt der inzwischen 57-Jährige als DTM-Chef an den Hockenheimring zurück, unter anderem um mit Roman Wittemeier, unserem Stellvertretenden Chefredakteur, im Video-Interview darüber zu sprechen, warum er sich für seinen neuen Job entschieden hat und wie er diesen anzugehen gedenkt. Und er stellt klar, dass er nicht vorhat, sich in den politischen Mühlen zwischen Audi, BMW und Mercedes zerreiben zu lassen - sondern für ihn steht etwas anderes im Vordergrund: der Fan.

Frage: "Herr Berger, Ihr offizieller Titel ist 1. Vorsitzender des ITR e.V. Das klingt viel zu sperrig. Wie gefällt Ihnen der Begriff DTM-Boss?"
Gerhard Berger: "Mit dem Wort Boss tu ich mich schwer. Egal, was ich bis jetzt gemacht habe: Es war immer ein Team, das etwas bewegt hat, und keine einzelne Person. Das ist auch hier so. Wir sind eine Reihe von Leuten, die an dem Thema DTM arbeiten und es weiterentwickeln. Daher habe ich gemischte Gefühle bei dem Wort Boss."

Frage: "Sie haben sich im Winter reichlich Zeit genommen, um darüber nachzudenken, ob Sie diese Aufgabe übernehmen wollen. Was ist in dieser Zeit durch Ihren Kopf gegangen?"
Berger: "Das Angebot hat mich von Anfang an interessiert. Weil ich glaube, dass die DTM super Voraussetzungen hat, auch für die Zukunft eine starke Plattform zu sein."

Zwei kleine Kinder: Formel 1 zu zeitintensiv

"Dass ich mein Leben im Motorsport verbracht habe, weiß man. Aber dass die Zukunft in meinem Leben ganz ohne Motorsport weitergehen soll, an diesen Gedanken konnte ich mich nicht gewöhnen. Das Thema Formel 1 war für mich kein Thema mehr. Ich habe wieder Nachwuchs bekommen, habe zwei kleine Kinder und eine Familie. Ich habe über die vielen Jahre so viele Kilometer im Flugzeug und mit Reisen hinter mich gebracht. Das war für mich nicht attraktiv."

"Alles das kann ich mit dem Thema DTM sehr gut verbinden. Es spielt sich alles in Europa ab. Ich kann alles von Österreich aus mit dem Auto bewältigen. Ich bin nicht 21 Rennen irgendwo in der Weltgeschichte. Das heißt, ich habe Zeit für meine Familie, und kann auch für sie da sein. Das in Kombination mit einer sehr attraktiven Plattform, mit Motorsport pur, war eigentlich fast aufgelegt."


Interview: So geht G. Berger seinen DTM-Job an

20 Jahre nach seinem Sieg in Hockenheim erklärt Gerhard Berger unter anderem, warum er der DTM den Vorzug gegenüber der Formel 1 gegeben hat. Weitere DTM-Videos

"Helmut Marko hat neulich in einem Talk gesagt ..."

Frage: "... im Verhältnis zur Formel 1 sei die DTM für Gerhard Berger viel Arbeit für wenig Geld. Ist es die Leidenschaft für die DTM, die Sie treibt?"
Berger: "Helmut Marko hat den Idealismus verloren. Er denkt nur noch an den Verdienst (lacht; Anm. d. Red.). Aber Spaß beiseite. Das Angebot war fair und für mich attraktiv."

"Noch viel wichtiger sind aber für mich die Voraussetzungen. Dass man den Sport entwickeln kann, dass man etwas zurückgeben kann, und dass man gerade für die Fans in Deutschland und in Europa etwas weiterentwickelt und bietet, womit sie eine Freude haben. Für mich ist das Paket rundherum rund."

Erfolg macht Helden

Frage: "Begeisterung für Motorsport entsteht oft dann, wenn es Typen gibt, wenn es Helden gibt. Sie kommen aus einer Generation, da sind die Bergers gegen die Sennas, Prosts, Piquets gefahren. Was macht einen Helden im Motorsport denn aus?"
Berger: "Im ersten Schritt natürlich einmal Erfolg. Ich glaube, man braucht Erfolg. In der Regel braucht man nachhaltige Leistung."

"Man braucht aber auch ein gewisses Charisma, ein gewisses Verständnis für die Fans, eine gewisse Bereitschaft, für die Fans da zu sein. Es wird da schon sehr viel abverlangt und gefordert. Aber es ist eine wunderschöne Geschichte, wenn man dann in diese Liga eintritt und dort zu Hause ist."

Gerhard Berger

1997 feierte Gerhard Berger in Hockenheim seinen letzten Formel-1-Sieg

"Genau vor 20 Jahren haben Sie an genau diesem Schauplatz einen sehr emotionalen Formel-1-Sieg gefeiert. Hat Sie das berührt, als Sie zurückgekommen sind, um den DTM-Test in Hockenheim zu sehen?"

"Aber ich komme immer gern nach Hockenheim. Ich habe hier immer gute Erfolge gefeiert, habe wahnsinnig gute Erinnerungen an diese Rennstrecke. Es ist fast ein bisschen eine Heimstrecke. Ich komme auch gern her - es ist ja nicht so weit von mir, drei Stunden von mir zu Hause. Mit Hockenheim verbindet mich schon einiges."

Nachtrennen am Norisring nicht ausgeschlossen?

Frage: "Für die DTM ist Hockenheim ein Heimrennen, das man sogar zweimal pro Jahr besucht. Zu Anfang und zu Ende einer Saison. Trotzdem wird oft über zukünftige Schauplätze diskutiert. Ihr Neffe Lucas Auer hat zum Beispiel gesagt: "Ich möchte ein Nachtrennen in Singapur." Paul di Resta hat gesagt: "Warum nicht ein Nachtrennen auf dem Norisring?" Wäre so etwas, was ja durchaus realistischer klingt, eine Option?"
Berger: "Lucas kann ja zum Formel-1-Rennen nach Singapur fahren und sich das Nachtrennen anschauen. Wir werden dort wahrscheinlich kein Rennen fahren. Zumindest nicht in nächster Zukunft."

Gerhard Berger und Roman Wittemeier

Gerhard Berger im Interview mit MST-Redakteur Roman Wittemeier

"Aber grundsätzlich: Ja, es gibt eine Tendenz zurück in die Städte. Es gibt eine Tendenz zu Nachtrennen. Ich glaube, der Fan wünscht sich die Abwechslung. Einmal so, einmal so. Der Norisring wäre von der Infrastruktur wahrscheinlich am besten dafür geeignet. Das steht jetzt nicht auf dem Programm. Wir sind aber immer offen für alle Gedanken, für alle Wünsche. Man muss sich einfach alles anhören und einmal drüber nachdenken. Ich kenne Nachtrennen aus Bahrain und Singapur. Das sind attraktive Rennen."

Frage: "Sie werden in Zukunft wahrscheinlich eine Prioritätenliste erarbeiten, bezüglich der Maßnahmen, die der DTM zu mehr Attraktivität verhelfen können. Was wird da ganz oben stehen?"
Berger: "Ich kann nur sagen, was ganz oben stehen wird. Die Liste gibt's noch nicht, die muss man erst erarbeiten. Dazu muss man zuerst einmal alles ein bisschen verstehen."

"Aber ich kann jetzt schon sagen, was ganz oben stehen wird: der Fan. Ich glaube, es ist wahnsinnig wichtig, dass man die Wünsche eines jeden Fans ablesen und sagen kann, was er sich wünscht. Der Fan ist unser Kunde. Diese Themen muss man glaube ich sehr gut in diese Liste einarbeiten."

Berger erbittet sich zwei Jahre Zeit

Berger: "Wenn Sie am Ende der Saison, nach dem letzten Rennen, wieder in Hockenheim sitzen, und auf der Tribüne nochmal schauen, was muss bis dorthin passiert sein, dass Sie dann sagen: "Jetzt sind wir auf einem guten Weg."
Berger: "So ein Thema bewegt sich nicht sehr schnell nach links, nach rechts, nach oben, nach unten. Bis Ende dieses Jahres wäre zu kurzfristig gedacht. Reglements sind platziert, die Kugel ist ein bisschen aus dem Rohr. 2017 ist glaube ich in einer guten Richtung."

"Dann würde ich sagen, Ende 2018 setze ich mich gerne hierher und sage: "Das und das ist passiert. Das war gut. Und das war eine schlechte Entscheidung."


Fotostrecke: Die Formel-1-Karriere von Gerhard Berger

"Es gibt drei Hersteller in der DTM: Audi, BMW und Mercedes. Sie waren BMW-Rennleiter, Sie haben einen Neffen bei Mercedes. Gibt es auch zu Audi einen Draht, von dem wir nichts wissen?"

"Mit Mercedes habe ich genauso gute Kontakte, wie ich sie auch bei Audi habe. In meiner Position ist es wichtig, ein sehr ausgeglichenes, faires Verhältnis zu pflegen, weil es sehr wichtig ist, dass man bei Entscheidungen für jeden das richtige Gefühl aufbringt und dass man zum Schluss den richtigen Kompromiss für alle findet."

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